Anpassungsstörung

als Folge eines Arbeitsunfalls

  Landessozialgericht Baden-Württemberg   L 1 U 3064/04   19.03.2007 rechtskräftig  

Definition ICD 10

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Bei Anpassungsstörungen (ICD10 - F43.2) handelt es sich um Zustände von subjektiver Bedrängnis und emotionaler Beeinträchtigung, die im Allgemeinen soziale Funktionen und Leistungen behindern und während des Anpassungsprozesses nach einer entscheidenden Lebensveränderung oder nach belastenden Lebensereignissen auftreten. Die Belastung kann das soziale Netz des Betroffenen beschädigt haben (wie bei einem Trauerfall oder Trennungserlebnissen) oder das weitere Umfeld sozialer Unterstützung oder soziale Werte (wie bei Emigration oder nach Flucht). Sie kann auch in einem größeren Entwicklungsschritt oder einer Krise bestehen (wie Schulbesuch, Elternschaft, Misserfolg, Erreichen eines ersehnten Zieles oder Ruhestand). Die individuelle Prädisposition oder Vulnerabilität spielt bei dem möglichen Auftreten und bei der Form der Anpassungsstörung eine bedeutsame Rolle; es ist aber dennoch davon auszugehen, dass das Krankheitsbild ohne die Belastung nicht entstanden wäre. Die Anzeichen sind unterschiedlich und umfassen depressive Stimmung, Angst oder Sorge (oder eine Mischung von diesen). Außerdem kann ein Gefühl bestehen, mit den alltäglichen Gegebenheiten nicht zurecht zu kommen, diese nicht vorausplanen oder fortsetzen zu können. Störungen des Sozialverhaltens können insbesondere bei Jugendlichen ein zusätzliches Symptom sein. Hervorstechendes Merkmal kann eine kurze oder längere depressive Reaktion oder eine Störung anderer Gefühle und des Sozialverhaltens sein.
 

Definition DSM IV

Der Diagnoseschlüssel DSM-IV-TR definiert Anpassungsstörungen als:
A. Die Entwicklung von emotionalen oder verhaltensmäßigen Symptomen als Reaktion auf einen identifizierbaren Belastungsfaktor, der innerhalb von drei Monaten nach Beginn der Belastung auftritt.
B. Diese Symptome oder Verhaltensweisen sind insofern klinisch bedeutsam, als sie
1. zu deutlichem Leiden führen, welches über das hinausgeht, was man bei Konfrontationen mit diesem Belastungsfaktor erwarten würde,
2. zu bedeutsamen Beeinträchtigungen in sozialen oder beruflichen Funktionsbereichen führen.
C. Das belastungsabhängige Störungsbild erfüllt nicht die Kriterien für eine andere spezifische Störung auf Achse I (klinische Störungen ) und stellt nicht nur eine Verschlechterung einer vorbestehenden Störung auf Achse I oder II (Persönlichkeitsstörungen, geistige Behinderung) dar.
D. Die Symptome sind nicht Ausdruck einer einfachen Trauer.
E. Wenn die Belastung oder deren Folgen beendet ist, dann dauern die Symptome nicht länger als weitere 6 Monate an. Ein chronisches Krankheitsbild liegt vor, wenn die Störung länger als 6 Monate andauert.
 

unfallbedingte Faktoren im entschiedenen Einzelfall

 
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Die Anpassungsstörung ist auch wesentlich durch die Unfallfolgen auf neurologischem und unfallchirurgischem Fachgebiet hervorgerufen worden. Dabei stützt sich der Senat auf die insoweit einhellige Beurteilung aller mit dem Gesundheitszustand des Klägers befassten Ärzte und Gutachter. Soweit Dr. S. in seinem Gutachten vom 6. November 2000 die Auffassung vertreten hat, wegen der zeitlichen Latenz zwischen dem Auftreten von Symptomen psychischer Erkrankung und dem Unfallzeitpunkt seien wesentlich psychosoziale Faktoren ursächlich für die Erkrankung, vermag diese Beurteilung nicht zu überzeugen. Soweit Dr. S. zur Stützung seiner These ausführt, der Kläger lebe als Asylbewerber in der Bundesrepublik ohne Perspektive, dauerhaft hier bleiben zu können, die Familie lebe im Kosovo und er mache sich nun Sorgen und Gedanken bezüglich der unsicheren Zukunft, hinzugetreten sei dann noch die Verletzung des rechten Oberarms, vermögen diese Ausführungen nicht ausreichend zu begründen, warum der Unfall eine depressive Entwicklung auf dem Boden einer persönlichkeitsspezifischen Disposition befördert haben soll. Gegen diese Annahme spricht, dass der Kläger schon seit 1992 als geduldeter Asylbewerber in der Bundesrepublik lebte, ohne dass er deshalb vor dem Unfallereignis psychisch auffällig wurde. Vielmehr hat sich der Kläger unmittelbar nach seiner Einreise Arbeit gesucht, eine solche auch gefunden und zur vollen Zufriedenheit seines Arbeitgebers ausgeübt. Entsprechendes gilt für die im Kosovo lebende Familie. Dass die Lebensgefährtin mit dem gemeinsamen Kind in den Kosovo verzogen ist, mag durchaus einen gewichtigen Aspekt darstellen, der sich nicht positiv auf das psychische Befinden des Klägers auswirkt. Dazu muss allerdings berücksichtigt werden, dass der Kläger vor hatte, noch im Jahr 1999 selbst wieder in den Kosovo zurückzukehren und sich dort mit gebrauchten Baumaschinen, die er seinem ehemaligen Arbeitgeber abgekauft hatte, selbständig zu machen. Diese Perspektive war auch der Grund, warum die Lebensgefährtin (noch schwanger) schon in den Kosovo verzogen war, um dort in Erwartung der Rückkehr des Klägers das gemeinsame Kind auf die Welt zu bringen. Durch den Unfall ist nicht nur die berufliche Perspektive des Klägers zerstört worden. Vielmehr sieht sich der Kläger angesichts der nach seiner Auffassung unzureichenden Behandlungsmöglichkeiten seiner Unfallfolgen im Kosovo auch nicht in der Lage, dorthin zurückzukehren. Wenn also das Getrenntleben von der Partnerin und Kind als wesentlich belastende Faktoren anzunehmen sind, ist dieser Umstand jedenfalls mittelbare Folge des Arbeitsunfalls und damit kein Umstand, der gegen den Zusammenhang der psychischen Erkrankung mit dem Unfallereignis spricht. Entsprechendes gilt für die Ausführungen des Dr. S. vom Februar 2001, der Zusammenhänge zwischen der psychischen Erkrankung und traumatischen Erlebnissen während der Bosnien-Krise aufführte. Diese sind im Übrigen auch nicht durch geeignete Nachweise vor dem Unfall belegt. Auch Prof. Dr. B. gegenüber hat der Kläger nicht über eine allgemeine Angst, in den Kosovo abgeschoben zu werden, gesprochen, sondern ausländerrechtliche Probleme stellten sich erst ein, als der Kläger wegen der Folgen des Arbeitsunfalls seinen ursprünglichen Arbeitsplatz verloren hatte und zunächst, bis zur Aufnahme der Tätigkeit als Wachmann, arbeitslos war. Von gleicher Bedeutung für die Entwicklung psychischer Störungen ist die oben bereits dargestellte Kausalkette der unfallbedingten Leistungsinsuffizienz mit der damit zusammenhängenden Zerschlagung seiner Pläne im Kosovo (Aufbau eines eigenen Bauunternehmens im Kosovo mit bereits gekauften Baumaschinen, Übersiedlung in den Kosovo zur Lebensgefährtin und dem gemeinsamen Kind).
 

MdE-Bewertung

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Auf psychiatrischem Fachgebiet besteht zur Überzeugung des Senats eine Teil-MdE um wenigstens 10 v.H. - allerdings am oberen Rand des Bewertungsrahmens, wie er den Bewertungsgrundsätzen der unfallversicherungsrechtlichen Literatur (vgl. Schönberger/Mehrtens/Valentin a.a.O. S. 246) entnommen werden kann. Das subjektive Erleben des Klägers ist depressiv herabgemindert, die emotionale Schwingungsfähigkeit eingeengt, die Erlebnis- und Gestaltungsfähigkeit beeinträchtigt.
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