HWS-Distorsion

 

und die Entschädigung durch die gesetzliche Unfallversicherung

Aus den Leitlinien  "Beschleunigungstrauma der Halswirbelsäule'' der AWM

"HWS-Distorsionsverletzungen (HWS-DV) nehmen insofern eine Sonderstellung ein, als sie häufiger als viele andere Verletzungen im Rahmen entschädigungspflichtiger Unfälle auftreten, typischerweise beim Pkw-Heckaufprall. Daher fließen in die Behandlung und Beurteilung nahezu regelmäßig auch versicherungstechnische, juristische und psychische Momente ein. Erhebliche nationale Unterschiede weisen auf die Bedeutung gesetzlicher Regelungen, kultureller Besonderheiten und Voreinstellungen bzw. Erwartungshaltungen hin. Die Diskussion über die Folgen derartiger Verletzungen wird nicht zuletzt deshalb bis heute z. T. sehr kontrovers geführt..."


Weiterer Text (Klassifikation, Klinik, Therapie ...) :http://www.uni-duesseldorf.de/awmf/ll/030-095.htm

Aus einer Entscheidung des Bayerischen Landessozialgerichtes L 2 U 24/04 14.02.2007

"...Auch bei einer Seitenkollision kommt es durch die Relativbewegungen zwischen Kopf und Rumpf zu Belastungen der HWS (Schönberger/Mehrtens/Valentin, Arbeitsunfall und Berufskrankheit, 7. Aufl., S. 554). Entgegen der klägerischen Auffassung findet die Klassifizierung nach Erdmann auch bei einem HWS-Beschleunigungstrauma bei Seitenaufprall Anwendung, da auch hier vergleichbare Beschleunigungskräfte einwirken (siehe z.B. Deutsche Gesellschaft für Neurologie, Beschleunigungstrauma der Halswirbelsäule - www.dgn.org). 
Der medizinische Sachverständige Dr. P. führte überzeugend aus, dass die Klägerin durch den Unfall eine Beschleunigungsverletzung der HWS (Grad I und II in der Einteilung nach Erdmann  1973) erlitten hat. Der Schweregrad I zeichnet sich dadurch aus, dass die Bänder und Teile des Kapselbandapparats lediglich gezerrt oder gedehnt sind, jedoch ihren mechanischen Zusammenhalt im Wesentlichen behalten haben. Im Rahmen des Schweregrades II findet sich als Beschwerdebild u.a. Gelenkkapseleinrisse, Gefäßverletzungen und eine Steilstellung der HWS. Bei Vorliegen des Schweregrades III sind hingegen die Bänder vollkommen durchgerissen und die Gelenkkapsel gesprengt; der mechanische Zusammenhalt des passiven Halteapparates ist vollständig liquidiert (Schönberger/Mehrtens/Valentin, a.a.O., S. 554 und 556). Aufgrund der in der Röntgenaufnahme vom Unfalltag und im MRT vom 14. Mai 1998 dokumentierten Steilstellung der HWS kann zugunsten der Klägerin das Vorliegen einer leichten bis mittelschweren HWS-Distorsion Grad I bis II angenommen werden. Dies rechtfertigt sich auch aus dem Gesamtbild der Beschwerden nach dem Unfall. Der Unfall ereignete sich um 17.55 Uhr. Die Klägerin fuhr danach zunächst nach Hause. Da Kopfschmerzen auftraten, suchte sie den Durchgangsarzt um 19.50 Uhr auf. Gegenüber Dr. E. gab sie an, etwa eine halbe Stunde nach dem Unfallereignis starke Kopfschmerzen bekommen zu haben. Es ist deshalb von einem symptomfreien Intervall von unter einer Stunde auszugehen; dies deutet auf einen Schweregrad der HWS-Distorsion nach Grad II hin. Sie klagte ferner über bewegungsabhängige Schmerzen im Nackenbereich. Allerdings ergaben die kernspintomographische Untersuchungen keine Anzeichen für Risse des Bewegungsapparates etc. und insgesamt keine Anzeichen einer mittelgradigen Beschleunigungsverletzung wie einem Gelenkkapseleinriss..."

Aus einer Entscheidung des LSG Berlin-Brandenburg vom 29.04.2010 -L 2 U 544/08:

"Allein die Tatsache, dass die Klägerin vor dem Unfall beschwerdefrei war, Beschwerden also zeitgleich mit dem Unfall bzw. zeitlich gesehen in dessen Folge aufgetreten sind, führt nicht dazu, dass diese Beschwerden hinreichend wahrscheinlich auf den Unfall zurückgeführt werden können. Es spricht vielmehr mehr gegen als für den ursächlichen Zusammenhang, denn auch die unfallversicherungsrechtliche Literatur (vgl. nur: Schönberger/Mehrtens/Valentin, Arbeitsunfall und Berufskrankheit 8. Auflage, 209. Kapitel 8.3.4.2.1. S. 464) geht davon aus, dass Beschwerden nach einer Halswirbelsäulendistorsion Typ Erdmann I meist nur Tage bis Wochen, jedenfalls weniger als einen Monat, andauern. Um die nach Dipl.-Med. St bei der Klägerin nunmehr bereits seit nahezu sechs Jahren andauernden Beschwerden der Halswirbelsäule noch hinreichend wahrscheinlich auf den Unfall zurückführen zu können, bedürfte es eines ganz außergewöhnlichen Umstandes, der weder ersichtlich noch von Dipl.-Med. St angeführt worden ist. Allein die Tatsache der vorherigen Beschwerdefreiheit reicht hierfür jedenfalls nicht aus..."  

siehe auch

Distorsion

Medizinisches Erfahrungswissen

haftungsbegründende Kausalität

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